Die Heinrich-Kromer-Schule in Niederursel blickt auf eine bewegte bauliche Geschichte zurück. Über Jahrzehnte ist ein Ensemble entstanden, das durch seine dorfartige Struktur geprägt ist – eine gewachsene Vielfalt, die Identität stiftet, Orientierung bietet und lebendige Freiräume schafft. Doch auch wenn der Bestand atmosphärisch überzeugt, erweist er sich funktional als nicht zukunftsfähig: Weder die Barrierefreiheit noch die Anforderungen an eine moderne Lernumgebung lassen sich ohne schwerwiegende Kompromisse umsetzen.
Deshalb setzen wir auf einen vollständigen Neubau – ohne dabei den Charakter des Ortes aufzugeben. Vielmehr interpretieren wir das Vertraute neu und schaffen ein zukunftsorientiertes Lernumfeld, das auf einer klaren Struktur, hoher Aufenthaltsqualität und funktionalen Synergien basiert. Vier kompakte Baukörper – das Hauptgebäude, zwei Clusterhäuser und eine halb in den Hang eingelassene Sporthalle – organisieren sich zu einem Campus mit starker Adressbildung, innen wie außen. Ein architektonisches Konzept, das auf räumliche Klarheit, nachhaltige Materialien und eine behutsame Einbindung ins Quartier setzt.
Das pädagogische Konzept der neuen Heinrich-Kromer-Schule spiegelt sich in einer durchdachten räumlichen Organisation wider: Die Clusterhäuser gruppieren sich um großzügige Lernmitten, die als offene, flexible Bereiche für Ganztag, Inklusion und Differenzierung dienen. In den Flächen zwischen den Klassenräumen entsteht so eine Atmosphäre, die gemeinsames Lernen ebenso begünstigt wie individuelle Förderung.
Das Hauptgebäude mit Forum, Bibliothek, Fachräumen und Verwaltung ist klar gegliedert – mit einem Foyer, das vom neuen Quartiersplatz und vom Schulhof zugänglich ist. Es schafft einen Raum der Begegnung, der auch außerhalb der Schulzeiten für Veranstaltungen nutzbar ist. Die Sporthalle nutzt geschickt das Geländeprofil: Halb abgesenkt bietet sie auf ihrem Dach zusätzliche Sport- und Aufenthaltsflächen, die nahtlos in den Schulcampus eingebunden sind.
Ein besonderes Element verbindet alles: der sogenannte Baumpfad im ersten Obergeschoss. Er legt sich schlaufenförmig zwischen die vier Gebäude, schafft so eine witterungsgeschützte Erschließung und Pausenbereiche im Erdgeschoss, fungiert im Obergeschoss als Lern- und Erlebnislandschaft und markiert zentrale Eingänge und Orientierungspunkte. So entsteht eine zweite Ebene – funktional, identitätsstiftend und einzigartig.
Ein Schulneubau ist mehr als ein Gebäude – er ist immer auch ein Versprechen an die Zukunft. Deshalb haben wir besonderen Wert auf die Gestaltung der Freiräume und ökologische Qualität gelegt. Der neue Quartiersplatz im Süden öffnet das Gelände zur Nachbarschaft, während im Norden ein Naturplatz mit direktem Anschluss an den Radweg entlang des Urselbachs entsteht. Hier wird ein ökologisch wertvoller Uferbereich mit Rückbau-Elementen der alten Freilichtbühne geschaffen – als öffentlich zugängliche Lehrfläche für Natur und Umwelt.
Auch der Schulhof selbst ist vielseitig nutzbar, barrierefrei und mit grünen Klassenzimmern, Schulgarten und Terrasse zoniert. Überdachte Fahrradstellplätze, ein durchdachtes Regenwassermanagement über Retentionsdächer und Zisternen sowie artenreiche Bepflanzungen mit heimischen Gehölzen fördern die Biodiversität und machen den Ort zu einem lebendigen Lernfeld für Nachhaltigkeit.
Gratulation an: wörner taxler richter planungsgesellschaft und Mijaa Raummanufaktur Architekten mit SHK+ Landschaftsarchitekten zum 1. Preis, BLK2 Architekten mit schoppe+partner freiraumplanung zum 2. Preis sowie Auer Weber HDK Dutt & Kist zum 3. Preis.
Entwurfsverfasser: Caspar Schmitz-Morkramer
Team: Johannes Feder (PL), Jutta Göttlicher, Jonas Ritgen, Francisco Vaz Cano, Marie-Elèn Wehder
Fachplaner: HKK Landschaftsarchitektur, knippershelbig, ee concept, Lenz Weber Ingenieure GmbH
Ausloberin: Stadt Frankfurt am Main
Visualisierung: © caspar./Paul Trakies